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 Krankenhaus Schloß Werneck zur Zeit des Nationalsozialismus 


Eine Arbeitsgruppe von Mitarbeitern des heutigen Krankenhauses für Psychiatrie und Psychotherapie erforscht die Geschichte des Schloßkrankenhauses, insbesondere auch zur Zeit des Nationalsozialismus. 

"Zum Teil wie Vieh transportiert"
WERNECK · Auch aus der Psychiatrie in Werneck wurden in der Zeit des Nationalsozialismus Patienten in Tötungsanstalten verschickt.
VON MIKE DÜTSCHKE Schweinfurter Tagblatt v. 13.01.2000

REPRO STB
Ein Krankensaal in der damaligen "Kreis-Irrenanstalt für Unterfranken" in Werneck auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1905. Damals feierte die von Dr. Bernhard Gudden mit aufgebaute Heil- und Pflegeanstalt ihr 50-jähriges Bestehen. Doch nur 35 Jahre später, im Oktober 1940, wurde die Anstalt geschlossen, weil die Räume größtenteils für die Unterbringung von "Volksdeutschen" aus den Balkanstaaten gebraucht wurden. Die Patienten wurden auf andere Anstalten in Bayern verteilt - teilweise kamen sie direkt in Tötungsanstalten. In seinem Buch hat Oberarzt Thomas Schmelter die Geschichte der Psychiatrie in Bayern während des Nationalsozialismus aufgearbeitet. Mittlerweile weiß er über fast alle Schicksale der damaligen Patienten Bescheid.

Die Geschichte des 50-jährigen F. B. liest sich beklemmend. Der Mann war 1940 Patient der Heil- und Pflegeanstalt Werneck, die im Oktober auf Anordnung des Würzburger Gauleiters Dr. Otto Hellmuth geräumt wurde. F. B. wurde am 12. Oktober in Lohr aufgenommen, aber schon am 2. November in die oberpfälzische Pflegeanstalt Reichenbach verlegt. Dort wurde er abermals Opfer einer Räumung: Am 15. Mai 1941 wurden von dort 197 Insassen in die Anstalt Karthaus-Prüll/Regensburg verfrachtet. "Für F. B. war dies immer noch nicht der letzte Transport", schreibt Thomas Schmelter, "Noch nicht drei Monate später, am 5. August 1941, wurde der 50-jährige Mann nach Hartheim deportiert und dort ermordet."
Der Fall des F. B. ist nur einer von vielen, die Thomas Schmelter untersucht hat. Der Oberarzt arbeitet seit 1985 im Wernecker Krankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie und befasst sich seit zehn Jahren mit der Geschichte der Psychiatrie im Nationalsozialismus. Angefangen hat alles mit seiner Frage nach Euthanasie in Werneck. "Bei uns war nichts, unser Haus war geschlossen", sei die gängige Antwort gewesen. "Ich habe aber weiter gefragt und es kam heraus, dass das Ausleseverfahren hier genauso stattgefunden hat. Wir können jetzt beinahe lückenlos nachweisen, was mit den Wernecker Patienten geschehen ist", sagt Schmelter.
Reichsweit war eine wahre Ermordungs-Maschinerie unter dem Namen "Aktion T4" entstanden. Der Name für die systematische Ermordung psychisch Kranker leitet sich vom Sitz der Organisationszentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4 ab. Von dort wurden Meldebögen versandt, um die Kranken lückenlos zu erfassen - auch in Werneck.
Doch warum wurden die Anstalten überhaupt geräumt? "Die Räumung hat nicht stattgefunden, weil es durch die Euthanasie mehr Platz gegeben hat, sondern umgekehrt, um auf Kosten der psychisch Kranken Platz zu schaffen", erklärt der Oberarzt. "Denn sie standen in der Hierarchie der Wertschätzung und Nützlichkeit ganz unten."
Wichtigste "Abnehmer" der freien Räume waren die Wehrmacht, die unter anderem Lazarette einrichtete, und - besonders in Werneck - die Volksdeutsche Mittelstelle, die für die Unterbringung so genannter Volksdeutscher aus den Balkanstaaten zuständig war. Das Reich hatte zugesichert, diese aufzunehmen.
Bei ihrer Auslagerung "wurden die Patienten teilweise wie Vieh transportiert", weiß Schmelter, "und in den Aufnahmeanstalten herrschten ganz kärgliche Lebensbedingungen weil sie hoffnungslos überfüllt waren." So nimmt es nicht wunder, dass die Sterblichkeit in den Anstalten von fünf Prozent vor dem Krieg auf bis zu 25 Prozent pro Jahr anstieg. Der Abtransport in die Tötungsanstalten wurde "raffiniert verschleiert", hat der Oberarzt herausgefunden. In Werneck etwa sind alle Busse Richtung Lohr gestartet; "tatsächlich wurden 280 Patienten direkt zur Ermordung gefahren". Und dass dies keine bloße Zahl mehr ist, sondern als Einzelschicksal zu verstehen, dazu hat Schmelter einen großen Beitrag geleistet.
Ein wichtiges Ereignis für Schmelters Arbeit war die Wende 1989. Bis dahin wurde allgemein angenommen, dass die Kranken-Unterlagen der getöteten Patienten vernichtet wären. "Aber die rund 70 000 Akten sind in einem Stasi-Archiv aufgetaucht und befinden sich jetzt im Berliner Bundesarchiv", sagt Schmelter. Von dort hat er die meisten seiner Informationen, konnte seine Listen vervollständigen. "Aber es kommt immer noch etwas dazu", sagt er weiter. Entweder, er werde in Archiven fündig oder er bekommt Informationen von Angehörigen und Historikern. "Das Thema verlässt mich nicht", ist sich der Oberarzt sicher.
Angehörige, die über das Schicksal eines Patienten in den 30er und 40er Jahre im Unklaren sind, können sich mit Thomas Schmelter im Krankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie Schloss Werneck unter Tel. (0 97 22) 2 10 in Verbindung setzen.
Das Buch von Thomas Schmelter ist als Hardcover unter dem Titel "Nationalsozialistische Psychiatrie in Bayern - die Räumung der Heil- und Pflegeanstalten" beim Deutschen Wissenschafts Verlag (DWV) erschienen, hat 117 Seiten mit zahlreichen Grafiken und Tabellen.


Kontakt und Information:
OA T. Schmelter, im Krankenhaus für Psychatrie
Am Schloßpark 1
97440 Werneck

 






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